Flugreisen – tödliches Risiko für Kleinkinder

ARD Magazin KONTRASTE vom 10.7.2008

Ab dem 16. Juli dürfen Kinder unter zwei Jahren im Flugzeug mit einem Schlaufengurt angeschnallt werden. Das ist eine neue Vorschrift der EU. Diese am Beckengurt der Eltern befestigten „Loopbelts“ sind in Deutschland allerdings seit Jahren verboten. Der Grund: Bei einer Notbremsung würde das Kind vom Erwachsenen regelrecht zerquetscht.

Jetzt zur Ferienzeit sind die Flugzeuge wieder voll. Mit an Bord sind auch viele ganz kleine Passagiere: Babys und Kleinkinder. Doch ausgerechnet für sie kann ein Flug äußerst gefährlich sein. Gefährlicher als für Erwachsene. Denn für die Allerkleinsten gelten Bestimmungen, die noch aus der Pionierzeit der zivilen Luftfahrt stammen: Wie vor 90 Jahren werden kleine Kinder auf dem Schoß ihrer Eltern transportiert. Ein tödliches Risiko. Doch ab nächster Woche gilt endlich eine neue Regelung. Aber die macht alles noch schlimmer.

von Tim van Beveren.

Sommerzeit: Große Airlines geben sich gerne kinderfreundlich…

Begehrte Kunden sind: Familien mit Kindern.

Nur, wenn es um die Sicherheit der kleinsten Passagiere geht, gerät die Kinderfreundlichkeit an ihre Grenzen. Denn Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren haben im Gegensatz zu allen Anderen an Bord bisher kein Recht auf einen eigenen Sitzplatz.

So kennen Eltern es: Kleinkinder sitzen bisher auf dem Schoss eines Erwachsen, der sie festhält. Für Eltern: völlig normal.

KONTRASTE: „Schnallen Sie ich im Flugzeug an?“

Fluggast: „Ja.“

KONTRASTE: „Schnallen Sie ihr Kind im Flugzeug an?“

Fluggast: „Eigentlich sitzt sie ja bei mir auf dem Schoß.“

„Nee, der muss auf den Schoß.“

„Ich bin angeschnallt und sie ist nicht angeschnallt.“

Wir zeigen Eltern die Ergebnisse von Tests an Dummies, die die ARD gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen auf einer Crashtestanlage des TÜV Rheinland durchgeführt hat.

Simulation eines Startabbruchs. Das Flugzeug bremst brutal von 250 Km/h. auf 0. Es ist unmöglich das Kind sicher festzuhalten. Es schießt durch die Kabine. Und so sieht das in Echtzeit aus:

Für das Kind ist das so, als wenn es aus 10 Meter Höhe auf eine Betonplatte fällt. Keine Chance zum Überleben.

Fluggäste: „Ja, Scheiße.“
„Finde ich natürlich nicht gut.“

Dabei geht es auch anders: Kindersitze. Sie retten im Auto Leben. Einige sind bereits seit 2005 zur Verwendung im Flugzeug zugelassen. Ein sicheres Transportsystem, meint der TÜV Rheinland.

Martin Sperber, Luftfahrtingenieur, TÜV Rheinland:
„Kinder brauchen einen eigenen Sitzplatz als Überlebensraum und ein geeignetes Rückhaltesystem.“

Diese Erkenntnis stammt aus einer Studie, die das Bundesverkehrsministerium schon 1993 in Auftrag gegeben hat. Ähnliche Studien aus den USA, Kanada und jüngst aus Australien kommen zu gleichen Ergebnissen: Nur ein Kindersitz auf einem eigenen Sitzplatz ist im Flugzeug wirklich sicher.

Der Nachteil: den zusätzlichen Sitzplatz muss man extra bezahlen! Und: nicht jede Airline lässt alle angebotenen Kindersitze zu.

Da jedes Land für den Transport der Kinder seine eigenen Vorschriften erlassen kann, wollte man in der EU jetzt einen verbindlichen Mindest-Standard vereinbaren. Das Ergebnis ist eine neue Regelung, die ab nächste Woche gilt:

Nach den neuen Betriebsvorschriften, den so genannten EU-OPS darf nur ein Erwachsener zusammen mit einem Kleinkind auf einem Sitz untergebracht werden, wenn das Kind ordnungsgemäß, Zitat:

„durch einen zusätzlichen Schlaufengurt oder ein anderes Rückhaltesystem gesichert ist.“

Statt also sichere Kindersitze europaweit endlich zur Pflicht zu machen, können sich die nationalen Luftfahrtbehörden auch für den Schlaufengurt entscheiden.

Nach monatelangem Hin und Her hat sich gestern Abend Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee überraschend zu dieser Alternative durchgerungen:

Den Schlaufengurt oder auch Loop Belt genannt.

Schon ab kommenden Mittwoch gilt: immer dann, wenn dieses Zeichen leuchtet, eine Gurtpflicht für Kinder, die nicht in einem Kindersitz auf einem eigenen Platz sitzen. Wie sicher ist der Schlaufengurt? Auch das haben wir getestet:

Die Situation – Vollbremsung von 250 km/h auf 0, wie beim Startabbruch. Für einen angeschnallten Erwachsenen nicht sehr gefährlich. Sein Gurt umfasst die massiven Beckenknochen.

Beim Kinderdummy jedoch schneidet der Schlaufengurt tief in die Weichteile des Bauchraumes. Fazit des Testleiters vom TÜV Rheinland:

Martin Sperber, Luftfahrtingenieur, TÜV Rheinland:
„Für das Kind ist der Loop Belt tödlich.“

Auch keine neue Erkenntnis. Jedenfalls nicht für die Experten vom TÜV-Rheinland. Schon Mitte der 90er Jahre wurden dort, im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums, Versuche mit dem Schlaufengurt durchgeführt. Das Ergebnis:

Martin Sperber, Luftfahrtingenieur, TÜV Rheinland:
„Der Loop Belt wurde daraufhin in Deutschland verboten. Nicht nur in Deutschland, auch aufgrund der Untersuchungen in anderen Ländern, wurde er in anderen Ländern, sprich Kanada oder USA auch verboten, weil die gleichen Ergebnisse vorlagen.“

In Deutschland also seit zwölf Jahren verboten, wird der Gurt nun ab nächster Woche – trotz seiner lebensgefährlichen Wirkung – für den Regelbetrieb wieder erlaubt sein. Dem Bundesverkehrsminister sei Dank.

Er hätte den deutschen Fluggesellschaften natürlich auch die Nutzung sicherer Kindersitze verbindlich vorschreiben können – stattdessen nur ein Appell an die Airlines, Kindersitze auf freiwilliger Basis zuzulassen.

Die Begründung für den plötzlichen Sinneswandel blieb er KONTRASTE schuldig. Keine Zeit für ein Interview, hieß es.

Es scheint als hätte sich der Minister dem Druck der Airlines gebeugt:

Das ergibt sich aus einem KONTRASTE vorliegenden Protokoll einer gemeinsamen Sitzung des Ministeriums mit Vertretern mehrerer deutscher Airlines in der vergangenen Woche.

Ein Ministerialbeamter:
„kündigt die Absicht des Ministeriums an … den Einsatz des Loop Belts … zu verbieten.“

Also Sicherheit im Interesse der Kleinsten.

Aber die Airlines halten finanzielle Gründe entgegen: sie hätten bereits Loopbelts erworben und befürchten Verluste. Außerdem würde Fliegen für Familien mit Kindern dann teurer werden. Es treibt sie wohl die Angst vor der Billigkonkurrenz aus dem Ausland.

Zitat:
„Sollte es zu einem Verbot … dieser Gurte kommen, warnten die Airlines vor einem schlagartigen Wettbewerbsnachteil …“

Seit über drei Jahren kämpft die liberale Bundestagsabgeordnete Miriam Gruss für mehr Sicherheit für Kleinkinder in Flugzeugen. Die jetzige Regelung empört sie zutiefst.

Miriam Gruss (FDP), MdB:
„Uns und mir ganz persönlich geht es hier um die Sicherheit von Kindern und nicht um Wettbewerbsvorteile von Airlines. Dann könnte Herr Tiefensee genauso morgen beschließen: Wir brauchen die Kinder auch in Autos nicht mehr anzuschnallen und keine Kindersitze in Autos zur Verfügung stellen. Aber das kann es ja wohl nicht sein. Die Sicherheit muss oberste Priorität haben.“

Doch jetzt ist genau das Gegenteil leider der Fall.

Nach der neuen EU-Verordnung sind deutsche Flugkapitäne ab kommenden Mittwoch dafür verantwortlich, dass der Loop Belt bei Kleinkindern angelegt wird, wenn kein Kindersitz zur Verfügung steht. Für die Pilotenvereinigung Cockpit ist das nicht akzeptabel:

Markus Kirscheneck, Flugkapitän Vereinigung Cockpit:
„Da ist für mich auch schwer nachvollziehbar, warum man jetzt in Deutschland anfängt, rumzueiern, obwohl das Verkehrsministerium bisher immer ganz klar Stellung bezogen hat und gesagt hat: Ein Schlaufengurt für Kleinkinder ist von deutscher Seite her nicht erlaubt.“

Bis zur Einführung der neuen EU Regelung hat der Minister noch knapp eine Woche Zeit. Bis dahin steht es ihm frei, den gefährlichen Loop Belt doch noch aus dem Verkehr zu ziehen und sich für mehr Sicherheit der kleinsten Bürger zu entscheiden.

Tja, was können Eltern jetzt tun? Am besten einen zusätzlichen Sitzplatz buchen und bei der Fluggesellschaft nach einem Kindersitz fragen. Ja, und falls die keinen hat, dann ruhig selbst einen mitbringen.

 

Der Schlaufengurt liegt zu 100 % im empfindlichen Weichteilbereich eines Babies.

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