Risiken für Kinder

© renate debus-gohl

Crashtest auf der Testanlage Helmond in Holland: gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen und dem TÜV-Rheinland hat der WDR im Mai 2008 und somit kurz vor der offiziellen Einführung des berüchtigten „Schlaufengurtes“ auch bei deutschen Airlines mehrere Crashtests durchgeführt. Mit erschreckendem Ergebnissen…

 WDR Sendung MARKT XL vom 19.5.2008

Kinder unter zwei Jahren sollen bei Flugreisen unter anderem mit einem gefährlichen Schlaufengurt gesichert werden. So schreibt es eine neue EU-Vorschrift vor, die am 16. Juli 2008 in allen Mitgliedsstaaten in Kraft getreten ist.

Verantwortlich für die Einhaltung der Vorschrift ist der Kommandant an Bord des Flugzeugs. Herr P. (Name der Red. bekannt), Flugkapitän einer großen europäischen Fluglinie, hat damit ein Problem: Er ist selbst Vater und Großvater und weiß nur zu genau, was mit einem so „angeblich gesicherten“ Kleinkind im Falle einer Vollbremsung passiert. Mit dem Schlaufengurt werden Kleinkinder und Babys an den Beckengurt eines Erwachsenen geschnallt. In einem Crashtest, den der WDR gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen und dem TÜV Rheinland durchführte, sieht man deutlich, welch schwere Verletzungen die Anwendung des Gurtes bei einem starken Bremsvorgang hervorrufen kann. Manfred Sperber, Luftfahrtingenieur beim TÜV Rheinland weiß: „Es ist kein sicheres Rückhaltesystem für das Kind. Er schützt Erwachsene vor herumfliegenden Kleinkindern im Crashfall in der Kabine. Für ein Baby ist er tödlich.“ Für Kapitän P. ist die neue EU-Vorschrift daher „eine ungeheuerliche Diskriminierung von Kleinkindern und Babies.“

 

Gurt für deutsche Airlines verboten

Die Gefahren, die der Schlaufengurt, auch „Loopbelt“ oder verharmlosend „Babygurt“ genannt, in sich birgt, sind seit mehr als zehn Jahren bekannt, auch in Deutschland. Für deutsche Fluggesellschaften ist die Anwendung des Schlaufengurts deshalb schon seit 1996 ausdrücklich verboten. Dennoch haben sich nach Recherchen von markt XL deutsche Airlines, darunter auch die Lufthansa, beim Verkehrsministerium dafür eingesetzt, den Babygurt ab dem 16. Juli 2008 benutzen zu dürfen. Das Argument: Man befürchte anderenfalls Wettbewerbsnachteile gegenüber der europäischen Konkurrenz, die den Gurt verwenden darf.

Nach dem Willen der EU soll er jetzt als anerkanntes Kinderrückhaltesystem vorgeschrieben werden, wenn kein anderes Rückhaltesystem, wie zum Beispiel für Flugzeuge zugelassene Autokindersitze und Babyschalen, zur Verfügung steht. Erst auf eine parlamentarische Anfrage durch die Vorsitzende der Kinderkommission des deutschen Bundestages, der Augsburger FDP-Abgeordneten Miriam Gruss, reagierte das Bundesverkehrsministerium schließlich mit einer schriftlichen Stellungnahme an den WDR. Darin heißt es, dass es trotz der neuen EU-Vorschrift beim Verbot des Schlaufengurtes für deutsche Fluggesellschaften bleiben soll. Gleichzeitig kündigte das Ministerium an, dass man sich auf EU-Ebene dafür einsetzen wolle, dass auch Kleinkinder zukünftig das Recht auf einen eigenen Sitzplatz an Bord haben. Gruss bleibt jedoch skeptisch: „Das wurde mir auch schon ganz ähnlich vor zwei Jahren erklärt, passiert ist jedoch, wie wir jetzt feststellen müssen, nichts.“ Es sei nicht hinnehmbar, dass Kinder auf diese Weise gegenüber erwachsenen Passagieren diskriminiert werden.

 

Kinder auf dem Schoß weiterhin erlaubt

Zwar will das Bundesverkehrsministerium am Verbot des Schlaufengurts festhalten, das sogenannte Lapholding, bei dem ein Erwachsener das Kind auf den Schoß nimmt und festhält, wird jedoch weiterhin in Deutschland erlaubt sein. Und das obwohl selbst das Bundesverkehrsministerium einräumt, dass diese Rückhaltemethode „keine ausreichende Sicherheit bietet“. Auch der Crashtest zeigt deutlich, dass die Flugreise auf dem Schoß für die Kinder lebensgefährlich sein kann. Zudem stellt die Transportweise ein erhebliches Risiko für andere Passagiere dar, weil die Kinder bei Turbulenzen oder einer Notbremsung mit hoher Geschwindigkeit durch die Kabine geschleudert werden können.

Abhilfe bieten bislang nur einige spezielle Kindersitze. Eltern können bestimmte zugelassene Sitztypen und Babyschalen nur bei folgenden deutschen Fluggesellschaften mitbringen: Air-Berlin, LTU, Hapag-Fly und Condor. Dafür muss außerdem ein zusätzlicher Sitzplatz gekauft werden, wobei die Gesellschaften jedoch Ermäßigungen einräumen.

 

Der Crashtest belegt anschaulich: das mit einem Schlaufengurt ‚gesicherte‘ Kind wird von dem Gurt schwer verletzt. Der Gurt wandert durch den Bauchbereich und zerquetscht dabei lebenswichtige Organe. Schließlich zerdrückt die Mutter das eigene Kind mit ihrem Oberkörper.

 

Testleiter Martin Sperber vom TÜV-Rheinland macht nach dem Test eine weitere, grausige Entdeckung: das metallene Typenschild der Schlaufengurtes hat sich beim Crashtest stark keilförmig verformt und ist so tief in den Weichteilbereich des Kleinkindes eingedrungen. Der Schlaufengurt hat überhaupt keine Zulassung als Kinderrückhaltessystem. Er darf gemäß der Zulassung durch die US-ameriknaische Luftaufsichtsbehörde FAA nur als Verlängerungsgurt für üergewichtige Passagiere benutzt werden. Die Airlines kümmert das wenig. Seit Sommer 2008 wird er eingesetzt.

 

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