Giftige Dämpfe im Cockpit: Wie die Bundesregierung jahrelang verharmlost hat

ARD-Monitor vom 18. Oktober 2012

Georg Restle: „Es war ein Horrorflug, der fast in die Katastrophe führte. Nur die Fluggäste haben davon nichts mitbekommen. Giftige Dämpfe hatten sich im Cockpit ausgebreitet, die Piloten standen kurz vor der Bewusstlosigkeit. Nur mit viel Glück konnten sie die Maschine am Flughafen Köln zur Landung bringen. Erst letztes Jahr hatte MONITOR über solche giftigen Dämpfe in Flugzeugen berichtet. Möglicherweise ein Konstruktionsfehler, der tödlich enden kann. Fluggesellschaften und Hersteller, aber auch viele Politiker hatten uns damals Panikmache vorgeworfen. Jetzt zeigt sich ein anderes Bild. Achim Pollmeier und Tim van Beveren über eine Chronik der Verharmlosung.“

 

19. Dezember 2010, ein Airbus mit 149 Menschen an Bord im Anflug auf die Millionen Stadt Köln. Die Piloten fast handlungsunfähig, benebelt durch giftige Dämpfe in der Kabinenluft. Sie schreiben später, dass ihnen

Zitat: „im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne schwanden“                                      „Arme und Beine fühlten sich taub an“                                                                             „Oh Gott, lass uns bitte heil landen, bitte lass uns das überleben.“

Nur durch Glück kam es nicht zur Katastrophe. Wir treffen einen Passagier, der in der Maschine saß. Der Unternehmensberater Ralf Schäfer fotografierte im Flugzeug nach der Landung. Was wirklich passiert ist, wurde ihm erst klar, als der Fall vor drei Wochen publik wurde.

Ralf Schäfer: „Wenn man das dann mit so einem langem Zeitverzug auf einmal liest und einem dann bewusst wird, was da hätte passieren können, wie knapp man an der Katastrophe vorbei ist, das ist ehrlich ein unheimlich seltsames Gefühl. Also …“

Die Ursache waren giftige Dämpfe in der Kabinenluft! Wie häufig so was auftritt, in welchen Konzentrationen und mit welchen Folgen – all das ist bisher kaum erforscht. Doch die Folgen können dramatisch sein. Der Bundesverkehrsminister gibt sich alarmiert. Gerade ließ er ein Schreiben an den zuständigen EU-Kommissar veröffentlichen. Es gehe um die „Flugsicherheit“ warnt er. Der Gefahr von Öldämpfen in der Kabinenluft müsse man sich „mit großer Entschiedenheit annehmen“. Ramsauer, der Aufklärer? In Wahrheit ist seinem Ministerium das Problem seit Jahren bekannt. Schon 2009 berichtete die ARD über Öldämpfe in der Kabinenluft.

MONITOR deckte vor einem Jahr einen schweren Vorfall auf. Airlines und Hersteller sprachen von Panikmache, spielten die Gefahren herunter. Lange wusste kaum einer, dass die Kabinenluft in fast allen modernen Verkehrsflugzeugen an den Turbinen angesaugt wird und dass so auch giftige Dämpfe in die Kabinenluft gelangen können. Ein Vorfall in den USA, so extrem ist es selten. Experten aber warnen schon lange: Öldämpfe können auch in geringeren Dosen krank machen, und sie sind eine Gefahr für die Flugsicherheit.

Dr. Michel Mulder, Flugmediziner (Übersetzung MONITOR): „Jeder Atemzug ist eine Dosis und es addiert sich. Und es sind ganz viele Chemikalien, die dabei zusammenwirken. Die Multitasking-Fähigkeit der Piloten nimmt ab. Das heißt, bei Drucksituationen im Cockpit können sie Fehler machen.“

Doch das Verkehrsministerium teilte MONITOR damals mit, es gebe keinen Hinweis auf eine Gefährdung. Und noch in diesem Jahr erklärte das Ministerium:

Zitat: „Gegenwärtig liegen keine konkreten Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung von Passagieren oder Besatzungsmitgliedern durch kontaminierte Kabinenluft vor.“

Wie konkret muss es denn sein? In einer Anweisung des Luftfahrtbundesamtes zu einem mehrfach aufgefallenen Flugzeugtyp hieß es schon 2001:

Zitat: „Öl-Kontamination in der Klimaanlage (…) kann zur gesundheitsschädlichen Verunreinigung der Kabinenluft führen und Vergiftungserscheinungen bei der Flugbesatzung verursachen.“

Vergiftungserscheinungen, wie sie neun Jahre später auch von den Piloten der Germanwings berichtet wurden. Sie waren zeitweise fast ohnmächtig – ihre Symptome typisch für vergiftete Atemluft. Ein dramatischer, aber kein Einzelfall. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung ermittelt aktuell noch in acht weiteren schweren Vorfällen im Zusammenhang mit kontaminierter Kabinenluft. Ihn wundert das nicht. Der Abgeordnete Markus Tressel hat das Thema in den Bundestags geholt. Drei Jahre lang, sagt er, arbeitete er dabei gegen den Widerstand von Airlines, Herstellern und Bundesregierung.

Markus Tressel, Bündnis 90/Grüne: „Man hätte in diesen drei Jahren Warngeräte entwickeln können, man hätte Filter entwickeln können, man hätte eine epidemiologische Studie machen können. Fakt ist, dass nach diesen drei Jahren die Fluggäste immer noch diesen Dämpfen ausgesetzt sind, dass wir immer noch ein Problem für die Flugsicherheit haben. Und wir sind immer als Hysteriker und Panikmacher beschimpft worden, noch vor zwei Wochen ist man mit Schuhen und Strümpfen über uns hergefallen und jetzt muss man beischwenken. Das ist schon eine sehr spannende Kehrtwende, die Ramsauer da macht.“

Allerdings eine Kehrtwende mit Verzögerung. Selbst einen Tag nachdem der Germanwings-Vorfall bekannt wurde, spielte die Regierungskoalition das Problem weiter herunter.

Thorsten Staffeldt, FDP, 28. September 2012: „Da machen Sie eine gute Kampagne, aber in der Sache ist es leider völlig daneben. Sie versuchen daraus ein Problem zu generieren, das in der Form gar nicht vorhanden ist.“

Peter Wichtel, CDU, 28. September 2012: „In der Vergangenheit waren immer wieder andere Ursachen die Gründe: Küchendämpfe, defekte Kaffeemaschinen, verschmorte Kabeln.“

Von Kehrtwende keine Spur. Bis Deutschlands größte Airline, die Lufthansa, kurz darauf einräumte: Es gibt ein Problem mit kontaminierter Kabinenluft, sogar bei ihrem Flaggschiff Airbus A380. Man arbeite an den Triebwerken und wolle Messinstrumente entwickeln lassen, um die Kabinenluft auf Schadstoffe zu analysieren. Lufthansa betont gegenüber MONITOR, im normalen Betrieb bestehe kein Grund zur Sorge, aber gibt zu:

Zitat: „ Im Ausnahmefall verunreinigte Kabinenluft kann zu gesundheitlichen Schäden führen.“

Markus Tressel, Bündnis 90/Grüne: „Das ist ein Dammbruch. Die Lufthansa hat eingestanden, es gibt ein Problem. Und man hätte das schon deutlich früher haben können im Interesse der Fluggäste.“

Doch erst nach dem Eingeständnis von Lufthansa wachte offenbar auch der Verkehrsminister auf. Plötzlich fordert er Aufklärung, spekuliert jetzt sogar über eine hohe Dunkelziffer nicht gemeldeter Störfälle. Raumsauers später Aktivismus wirkt wie ein unfreiwilliges Eingeständnis – nach Jahren der Untätigkeit.

Ralf Schäfer: „Jetzt liest man eben in der Zeitung, dass man das Problem aufgreifen will, dass man die Triebwerke ändern will, wobei ich mir dann die Frage stelle, warum hat man das nicht schon früher angegangen, wenn das Problem zehn Jahre bekannt ist. Das Risiko für die Fluggäste auch zehn Jahre besteht – das macht mich dann nachdenklich.“

Gifte in der Kabinenluft. Statistisch ist das Risiko klein, doch es fliegt immer mit. Und die Folgen können dramatisch sein.

Bericht:  Achim Pollmeier und Tim van Beveren

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