Ein Frage des Denkansatzes

INTERVIEW MIT PROFESSOR DR. DIETRICH HENSCHLER – TOXIKOLOGE, WÜRZBURG 

Prof. Dr. Dietrich HenschlerTvB: Sie haben bereits vor gut 50 Jahren mit Vergiftungen durch Trikresylphosphate zu tun gehabt. Was war der Anlass?

Professor Dietrich Henschler: Ich wurde nach Marokko gerufen, als es dort 1959 eine Massenvergiftung gab. Die französische Regierung hatte mich gebeten das Produkt anzuschauen, um den Ursachen-zusammenhang festzumachen. Ursache war Triebwerksöl. Das ist auf einem amerikanischen Militärstützpunkt für die dortigen Düsenjäger verwendet worden. Ein Ortsansässiger hat sich ein Fässchen beschafft und dieses mit Speiseöl gestreckt, und es im Straßenverkauf verbreitet. So gab es 10.000 Opfer, die für den Rest ihres Lebens gelähmt waren.

TvB: Es scheint, man hat nicht die richtigen Schlüsse daraus gezogen?

Henschler: Das zeigt mir, man hat die Empfehlungen eines vorsichtigen Toxikologen nicht ernst genommen. Ich habe immer empfohlen, die Exposition durch solche Art von Giftstoffen auf den Menschen so gering wie möglich zu halten und nach besseren Alternativen zu suchen.

TvB: Wurden Ihre Erkenntnisse mit Ölherstellern, Militärs oder Regierungen erörtert?

Henschler: Die Industrie wusste natürlich sofort Bescheid. Mit denen gab es auch, wenn Interesse deutlich wurde, Diskussionen. Sie haben die Ergebnisse dann auch anerkannt. Mit Militärs hatte ich nur einmal Kontakt: eben in Marokko.

TvB: Überrascht es sie, dass TCP heute in die Kabinenluft von Flugzeugen gelangen kann, weil Luft über die Triebwerke angesaugt wird?

Henschler: Mir war bis vor einem Jahr nicht bewusst, wie häufig das doch noch angewandt wird. Ich hätte erwartet, dass nach Kenntnis der Giftwirkung und nach Berichten über Zigtausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Opfern in der medizinischen Geschichte man nach besseren Alternativen gesucht hätte. In meinen Augen gibt es die, man muss sich nur Mühe geben.

TvB: Was kann man tun, um den heute in der Luftfahrt davon Betroffenen zu helfen?

Henschler: In der Arbeitsmedizin gibt es festgelegte Strategien, wie man vorgeht, um solche Schadensereignisse zu analysieren und um zu einer Bewertung zu kommen. Vielleicht zur Anerkennung als Berufskrankheit oder aber eben auch dazu, Vergiftungen zu verhüten. Eine der wichtigsten Vorgehensweisen heutzutage ist, dass man eine chemische Analytik aufbaut, die genau Auskunft darüber gibt, welche Komponenten in welchen Anteilen enthalten sind. Das ist die allgemeine Strategie in der Arbeitsmedizin. Eine der besten Lösungen ist sicherlich die Filterung der Luft. Warum das bislang nicht geschehen ist, ist mir unerklärlich. Die Filterung von kontaminierter Luft ist im heutigen Arbeitsleben ein ganz alltäglicher Vorgang.

TvB: Wie beurteilen Sie das Argument, dass die gemessenen Konzentrationen innerhalb der offiziellen Grenzwerte liegen?

Henschler: Soweit ich weiß, gibt es eben keinen Schwellenwert für TCP. Ein Grenzwert für TOCP wurde einmal von der amerikanischen AGHG (American Governmental Hygienist Group) aufgestellt. Der Wert liegt bei 0,1 Milligramm pro Kubikmeter Luft. Aber dieser Wert beruht auf einer sehr vagen Datenbasis. Die Publikation, auf die sich dort berufen wird, stammt von einem Vorfall mit zwei englischen Rüstungsarbeitern, die bei einem Unfall während des Zweiten Weltkrieges gelähmt wurden. Da jat man zwei oder drei Luftproben genommen. Das sind auf keinen Fall ausreichende Daten, um einen Arbeitsplatz-Grenzwert zu bestimmen. Kein anderes Land hat bisher einen solchen Grenzwert festgelegt.

TvB: Ist es gerechtfertigt, dass die Industrie bei ihren Analysen auf nur einen Stoff, das Tri-Ortho-Kresylphosphat, fokussiert?

Henschler: Nein, das ist völlig irreführend, weil es die Giftigkeit des technischen Mischproduktes unterschätzt. Man muss sich immer diese Mischung genauer ansehen, weil sie sehr komplexe Gebilde enthalten. Diese bestehen aus ganz unterschiedlichen chemischen Individuen, und diese verändern sich, wenn sie erhitzt werden und so Dekompositionsprodukte entstehen. Man muss sich diese kontaminierte Luft sehr genau ansehen und meine Empfehlung ist, dass kompetente analytische Verfahren angewendet werden, um das genau zu überprüfen. Dies sollte sich aber nicht nur auf die Konzentrationen in der Kabinenluft beschränken, sondern auch auf die von den Betroffenen aufgenommen Mengen.

TvB: Ist das mit der heutigen Technologie machbar?

Henschler: Natürlich ist es das. Es ist nur eine Frage, was man in eine solche Methodik zu investieren bereit ist. Moderne analytische Techniken sind heute so empfindlich, sehr genau und aussagekräftig.

TvB: Also ist es nur eine Frage des Geldes?

Henschler: Vermutlich ja.

TvB: Muss TCP im Motorenöl drin sein, oder gibt es Alternativen?

Henschler: Es gibt weniger giftige oder sogar ungiftige Alternativen. TCP ist sicherlich ein sehr toxischer Stoff, aber nicht der Einzige. Es gibt im Öl noch einen weiteren Kandidaten, der eliminiert werden müsste: Beta-Naphthylamin, ein nachgewiesen krebserregender Stoff mit sehr hoher Potenz.

TvB: Was macht dieses Beta-Naphthylamin so gefährlich?

Henschler: Es löst Krebs aus. Krebs gehört zu den irreversiblen Phänomenen im Krankheitsgeschehen. Das erfordert eine besondere Betrachtungsweise bei der Risikobewertung, denn Berufskrebse können durch geeignete Vorsorge vermieden werden.

Professor Dr. Dietrich Henschler (* 19. November 1924 in Glösa; † 4. April 2014 in Würzburg), war ein deutscher Mediziner und Toxikolge. Er studierte an der Julius-Maximilian Universität zu Würzburg Medizin und promovierte 1953. Später habilitierte er über die Struktur-Wirkungs-Beziehungen und die Wirkungsmechanismen von neurotoxischen Trikresylphosphaten (1957). Von 1965 bis 1994 hatte Henschler in Würzburg den neu geschaffenen Lehrstuhl für Toxikologie und Pharmakologie inne. Darüber hinaus war er von 1969 bis 1992 Vorsitzender der Kommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die auch die Maximale-Arbeitsplatz-Konzentration (MAK-Werte) für Chemikalien festlegte. Er ist Mitherausgeber des Lehrbuches für Toxikologie und Verfasser zahlreicher Fachpublikationen. 1975 wurde Henschler für seine Verdienste mit dem dem großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

What is 9 + 2 ?
Please leave these two fields as-is:
IMPORTANT! To be able to proceed, you need to solve the following simple math (so we know that you are a human) :-)