Fliegende Zeitbomben sind unterwegs

«Die Gefahr ist, dass Teile die eben nicht den Standards oder Wartungsvorschriften entsprechen ein grosses Risiko für eine plötzlich Fehlfunktion bergen. Das sind tickende Zeitbomben, an Bord eines Flugzeuges, aber niemand weiss, auf welche Zeit der Zünder eingestellt wurde.»
Dr. Vittorio Floridia, Experte der Staatsanwaltschaft im Fall «Panaviation»

Arturo Radini und Vittorio Floridia haben ihre Ermittlungen abgeschlossen. Dr. Renato Perino kann seine Anklage verfassen und zum ersten Mal in Europa kann einem Ersatzteilfälscher der Prozess gemacht werden. Die Verantwortlichen der norwegischen Falschteil-Katastrophe wurden bis heute nie zur Rechenschaft gezogen.

Enzo Fregonese drohten 15 Jahre Haft. Im Februar 2004 wurde er dann zu einer Gesamthaftstrafe von 15 Monaten verurteilt, die er aufgrund seines Alters nicht antreten musste. Dem Hauptbeschuldigten im Fall Panaviation scheint die Tragweite seiner Handlungen überhaupt nicht bewusst zu sein. Er sieht sich als Opfer dieses Ermittlungsverfahrens und nicht als skrupeloser Verbrecher, der in betrügerischer Absicht das Leben von Flugreisenden und Besatzungen aufs Spiel setzt. Aber nichts anderes ist er letztendlich. Graphologische Analysen bestätigen, dass er bei vielen der beschlagnahmten Dokumente die eigene Hand angelegt hatte und Daten verfälschte.

Aber obwohl die Ermittlungen im Fall Panaviation auch ausserhalb Italiens Staub aufgewirbelt haben, gibt es in Europa nur halbherzige Bemühungen, der Ersatzteil-Mafia wirklich das Handwerk zu legen. Bislang wird viel zu wenig unternommen die italienischen Falschteile aus dem Verkehr zu ziehen.

Im Zuge unserer Dreharbeiten zu der TV-Dokumentation «Gefährliche Flüge» fragte meine zuständige Redakteurin, Dr. Elke Maar vom WDR schliesslich auch beim deutschen Bundeskriminalamt an. Wochenlang gab es keine Rückmeldung. Schliesslich gelang es Frau Dr. Maar die zuständige Sachbearbeiterin in der Pressestelle persönlich ans Telefon zu bekommen. An einem Interview mit dem BKA zum Thema «Gefälschte Flugzeugersatzteile», so musste sie erfahren, besteht seitens der Behörde kein Interesse. Der Bitte, diese Ablehnung dem WDR schriftlich mitzuteilen, wollte die Behörde ebenfalls nicht nachkommen. Dabei wusste ich über meine Kontakte, dass es beim BKA bereits seit geraumer Zeit Bestrebungen gibt, das Problem aus kriminalistischer Sicht anzugehen. Doch die eher seichten Ansätze, mit den davon betroffenen deutschen Betrieben, dem LBA und Interessensverbänden an einen runden Tisch zu kommen, sind bislang nicht gerade von Erfolgen gekrönt. Gerade bei Lufthansa und Co, sowie der Aufsichtsbehörde fehlt hier offenbar das Problembewusstsein oder schlicht das Interesse. Im Fall Panaviation war man ja bisher in Deutschland noch so gerade mit einem «blauen Augen» davongekommen und niemanden auf Seiten der Betroffenen ist daran gelegen, dass pikante Internas aus der gut gehüteten Betriebspraxis eventuell so den einflussbereich verlassen könnten.

Bei der damaligen «Übergangsbehörde» JAA[1] war man durch den Fall Panaviation aufgeschreckt worden. In Rekordzeit wurde eine neue Verordnung durchgeboxt, die das Ausschlachten von Flugzeugen betrifft.

Nach dieser neuen Verordnung dürften insbesondere Dan Batchelor einige Mehrkosten entstehen, wenn er seinen Plan die Alitalia Airbusse auszuschlachten und in Einzelteilen neu zu verkaufen, weiter umsetzten möchte. Immerhin hat er sich inzwischen von Enzo Fregonese die Eigentumsdokumente übertragen lassen. Doch das wird nicht ausreichen um das mitunter tödliche Problem der «unapproved parts» in den Griff zu bekommen. Denn der Fall aus Italien hat nur die Spitze eines Eisberges gestreift.

Gefährliche Falschteile sind nicht nur in den USA in Privat- und Militärflugzeugen aufgetaucht und haben Unfälle verursacht. Doch gerade die Militärs sind hier Weltmeister im Verschweigen und Unfallberichte aus der General Aviarion, also der Privat- und Sportfliegerei erlangen kaum den Bekanntheitsgrad, wie die Berichte über die Unfälle mit Verkehrsflugzeugen. Für viele Redakteure und deren Vorgesetzte im sensationshungrigen Print- und TV Bereich sind sie völlig uninteressant und damit findet eine Information darüber in der Öffentlichkeit auch einfach nicht statt.

Aber: einmal erfolgreich in das logistische System von Flugzeug-Ersatzteilen eingeschleusst sind «bogus/unapproved-parts» vergleichbar einem Virus im menschlichen Organismus. Desto mehr Zeit vergeht, umso schwieriger wird es sie zu lokalisieren und durch gezielte Massnahmen unschädlich zu machen. Die italienischen Ermittler schätzen, dass heute allein an die 1.000 Flugzeuge mit gefälschten Ersatzteilen von Panaviation unterwegs sind.

Von der Luftfahrtindustrie ist nach wie vor nicht gefordert ihre Teile und ihr logistisches System auf einen modernen Stand zu bringen. Obwohl genügend neue Technologien besseren Schutz und vor allem eindeutige Identifizierbarkeit auch kleinster Teile bieten, fehlt es an geeigneten Initiativen solche Hilfsmittel auch einzuführen, durch die das Problem zumindest eingegrenzt werden könnte und das Leben von Strafverfolgungsbehörden erleichtert wird.

Vor allem jedoch fehlt es auch weiterhin an verbindlichen Vorschriften und Gesetzen, die für alle Luftfahrt betreibenden Nationen gleichermassen gelten, und die geeignet sind den Handel und das Installieren von Falschteilen dem damit verbundenen Risiko angemessen zu bestrafen. Solange Teilehändler nicht wie jeder andere, der mit dem sicheren Betrieb eines Flugzeuges befasst ist, staatlicher Aufsicht und Kontrolle unterliegen, wird sich daran auch nichts ändern. Vermutlich erst, wenn wieder eine Unfallkommission in ihrem Abschlussbericht befindet, dass «Bogus Parts» ursächlich für eine Flugzeugkatastrophe mit mehreren hundert Toten war. Doch dann ist es, – wieder einmal, zu spät.

* * *



[1] Die JAA ist seit Jahren damit beschäftigt in einer neuen gemeinsamen europäischen Luftfahrtbehörde aufzugehen. Heute ist klar, dass die Tage der JAA gezählt sind, doch niemand kann sagen, wann die neue Behörde eingesetzt wird und vor allem welche Kompetenzen ihr eingeräumt werden. 

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