Meldepflichten verletzt?

ARD Sendung Plusminus vom 24.3.2009

Obwohl es seit Jahrzehnten bekannt ist und Wissenschaftler eindringlich davor warnen, gelangen immer noch Giftstoffe ungefiltert in die Kabinenluft. Da die Luft in allen modernen Düsenflugzeugen von den Triebwerken angesaugt wird, kann diese in bestimmten Fällen durch erhitztes Triebwerksöl kontaminiert werden.

Zu den zahlreichen Bestandteilen des Turbinenöls gehört auch ein Nervengift: Trikresylphosphat, kurz TCP. Der anerkannte Würzburger Toxikologe, Professor Dietrich Henschler (84), hat speziell diesen Stoff bereits 1958 erforscht. „Es handelt sich um einen extrem wirksamen Giftstoff“, so Henschler (Foto links) gegenüber plusminus „und das erzeugte Vergiftungsbild ist so erschreckend, dass eigentlich alles getan werden muss, um das zu vermeiden.“

Bereits am 3. Februar berichtete plusminus über Betroffene, die an den Folgen solcher Kontaminationen erkrankt sind und hat Proben in Flugzeugen namhafter Airlines genommen. Die Ergebnisse waren alarmierend: 90 Prozent dieser Proben enthielten Spuren von TCP, teils in sehr hohen Konzentrationen.

Nach der Sendung erreichten uns jedoch zahlreiche Hinweise und Belege, die zeigen, dass Rückstände von Triebwerksöl häufiger in die Kabinenluft gelangen und dort von den Insassen eingeatmet werden, als es die Airlines und Flugzeughersteller zugeben wollen. So wurden plusminus unter anderem interne Berichte über Vorfälle bei Linienflügen deutscher Fluggesellschaften zugespielt, zum Beispiel von Lufthansa Flug 577 von Kapstadt nach Frankfurt am 13. Februar 2009. Eine Flugbegleiterin schreibt an ihre Vorgesetzten: „Sofort nach dem Start breitete sich ein beißender Geruch im gesamten Kabinenbereich aus. Die Kollegen (…) hatten Atemprobleme, brennende Augen und einen brennenden Hals.“ Weiter heißt es in dem internen Bericht: „Passagiere mussten sich übergeben. Da wir den gleichen Flieger schon auf dem Hinflug hatten, war das Problem bekannt, es war wohl schon lange im TLB (Technischen Logbuch; Anm. d. Red.) vermerkt.“

Über solche und ähnliche Phänomene berichteten uns zahlreiche Betroffene. Einige fanden durch die Sendung eine Erklärung für die bei ihnen aufgetretenen Symptome, manche sind erkrankt oder sogar flugdienstuntauglich. So zum Beispiel Flugkapitän Andreas Tittelbach: Gegenüber plusminus berichtet er von einem Vorfall, den er am 18. Januar 2002 im Cockpit eines Lufthansa-Cityline AVRO Regionaljets erlebt hat: „Die Öldämpfe waren so intensiv, dass es dem Copiloten und mir während des Fluges immer schlechter ging. Wir haben dann letztlich die Sauerstoffmasken angezogen, und es passierte etwas ganz Erstaunliches: Von dem Moment an, wo wir uns die Sauerstoffmasken aufzogen, war es so, als ob man uns einen Vorhang vor dem Gesicht weggerissen hätte. Wir wurden auf einmal wieder klar und wach und haben erst da bemerkt, dass wir schon vorher in unserer Wahrnehmungsfähigkeit und unserer Leistungsfähigkeit sehr beeinträchtigt waren.“ Im Gegensatz zu den Passagieren und Flugbegleitern in der Kabine verfügen die Piloten im Cockpit über Masken mit reinem Sauerstoff. Die in der Kabine befindlichen Masken in der Decke sind für solche Vorfälle ungeeignet, da die Luft weiterhin mit der Kabinenluft gemischt wird. Sie werden daher auch nicht ausgelöst.

 

Gesetzliche Meldepflicht ignoriert?

Gesetzlich sind vor allem die Piloten verpflichtet, solche Vorfälle den Behörden anzuzeigen. Wird ein Besatzungsmitglied in seiner Handlungsfähigkeit sogar eingeschränkt, muss „unverzüglich“ und auf direktem Weg eine Meldung an die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) erfolgen. Doch offenbar kommen dort längst nicht alle Vorfälle an. So hat Kapitän Tittelbach den Vorfall vom 18. Januar 2002 bei seinem Flugbetrieb gemeldet, zumal er der Auffassung war, dass hier auch die Flugsicherheit gefährdet gewesen sei. Doch weitergeleitet wurde sein Bericht nicht. Die BFU bestätigte plusminus auf Anfrage, dass diese und weitere von plusminus recherchierte und eigentlich meldepflichtige Vorfälle dort nicht vorliegen. Auch der Vorfall vom 13. Februar 2009 mit LH Flug 577 wurde bisher nicht gemeldet.

 

Vorfälle in Deutschland

Bereits für unsere Sendung am 3. Februar 2009 hatten wir das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) gebeten, uns mitzuteilen, wie viele Vorfälle seit 2004 dort gemeldet wurden. Doch die Behörde verweigerte die Angaben. Aufgrund einer parlamentarischen Anfrage durch die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Nachgang zu plusminus musste das LBA die Zahlen jetzt offenlegen. Angeblich gab es in diesem Zeitraum 156 Meldungen. Dennoch sah die Behörde bisher keine Veranlassung, Schritte einzuleiten.

plusminus liegen jedoch Belege vor, die eine wesentlich höhere Dunkelziffer vermuten lassen. Beispiel Eurowings: Allein in einem Zeitraum von nur anderthalb Jahren gab es hier gemäß vorliegenden Logbuchauszügen knapp 140 Fälle mit kontaminierter Kabinenluft – und das bei einer Flotte von nur 15 betroffenen Flugzeugen vom Typ BAe 146. In einer internen Information der Lufthansa an ihre Mitarbeiter werden Untersuchungen zitiert, wonach statistisch ein Vorfall „auf 2000 Starts“ vorkommt. Allein bei Lufthansa hieße das: mindestens ein Vorfall pro Tag.

Intern gibt die Lufthansa Probleme mit durch Öl kontaminierte Kabineluft zumindest bei einem Flugzeugtyp zu: dem Airbus A340–600. Die Ursache sei ein technischer Fehler an den Triebwerken. Nach und nach werden jetzt die Turbinen umgerüstet. Derweil fliegt die Flotte aber weiter. Auch Flug 577 war ein solcher Airbus A340-600. Er hat die Registrierung D-AIHL und ist seit Anfang 2004 im Einsatz.

Doch angeblich werden die Sorgen von betroffenen Lufthansa-Mitarbeitern immer wieder durch das Management heruntergespielt, berichtet Lufthansa-Kabinenpersonal gegenüber plusminus. Reaktion einer Stewardess, die nun eine Erklärung für ihre bislang mysteriösen Krankheitssymptome hat: „Da kriege ich Wut, Wut gegen die offensichtliche Interesselosigkeit meiner Firma, dass da nicht aufgeklärt wird und dass Mitarbeiter und Passagiere nicht besser geschützt werden.“

Auch Flugkapitän Tittelbach ist sehr besorgt. Seit November 2008 darf er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fliegen und klagt jetzt gegen seinen Arbeitgeber, die Lufthansa–Cityline, vor dem Frankfurter Arbeitsgericht. Er sieht im Zusammenhang mit den Öldämpfen ein großes Maß an Verantwortung bei seinem Arbeitgeber: „Wir haben an Bord alte Menschen, kranke Menschen, wir haben Kinder, wir haben werdende Mütter und niemand weiß, was diese Öldämpfe zum Beispiel mit einem ungeborenen Kind machen.“

 

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