Nicht-öffentliche Anhörung vor dem Deutschen Bundestag

© christian von polentz /ver.diAm 21. September 2011 informierten sich Abgeordnete des Deutschen Bundestages erstmalig über das Thema der kontaminierten Kabinenluft. Zu der Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit kam es aufgrund eines Antrages des BÜNDNIS90/Die Grünen und der LINKEN. Die SPD war zuvor ausgeschert, wodurch die Anhörung nur in einer reduzierten Form und als nicht-öffentliche Anhörung durchgeführt werden konnte.

Von den Fraktionen waren folgende Experten geladen worden:
Dr. Andreas Bezold (Airbus Industrie), Prof. Dr. med. Jürgen Bünger (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung), Matthias von Randow (Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft), Dr. Susan Michaelis ( Global Cabin Air Quality Executive), Cpt. Jörg Handwerg (Vereinigung Cockpit) und ich in meiner Eigenschaft als Journalist und Autor zahlreicher Beiträge zu diesem Thema für die ARD.

Die Pilotenvereinigung Cockpit verlangte schon in ihrem Eingangsstatement eine umfassende Untersuchung möglicher Schadstoffbelastungen in der Kabinenluft von Flugzeugen und forderte Konsequenzen für den Gesundheitsschutz von Passagieren, Piloten und Flugbegleitern. Erstmalig nannte Jörg Handwerg hier als weiteres Problemfeld das Thema „Ozon“ in Flugzeugen. Denn obwohl es dafür längst Filter gibt, sind diese bisher nicht auf allen Flugzeugen vorgeschrieben, bzw. eingebaut, obwohl diese Maschinen auf ihren regelmässigen Flügen im europäischen Luftraum oftmals durch giftige Ozonlayer fliegen. In der Anhörung der Experten betonte Handwerg ausserdem, dass die Airlines bislang jedenfalls den klar formulierten Forderungen nach einer umfassenden Untersuchung des Problems nicht nachgekommen sind, obwohl bereits zahlreiche wissenschaftliche Studien auf eine Gesundheitsgefährdung hinwiesen.

Die Abgeordnete aller Fraktionen zeigten sich in der Sitzung des Ausschusses alarmiert und erkundigten sich intensiv bei den geladenen Experten nach neuesten Erkenntnissen. Die Antworten der Sachverständigen vermittelte jedoch ein höchst widersprüchliches Bild: Während etwa die Leiterin der Forschung der Global Cabin Air Quality Executive, Dr. Susan Michaelis, einen Zusammenhang von kontaminierter Kabinenluft und gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowie der Flugsicherheit bejahte, betonte der Airbus-Experte Dr. Andreas Bezold unter Verweis auf „zahlreiche Messungen seit den 90er-Jahren“, dass die „Luft an Bord von Verkehrsflugzeugen“ von „einwandfreier Qualität“ sei.

Ich selber erläuterte den Abgeordneten im Zuge der Anhörung, dass bei fast allen Verkehrsflugzeugen die Frischluft für das Innere der Maschinen als so genannte „Zapfluft“ über die Triebwerke angesaugt wird. Wenn Öl ins Triebwerk leckt, werden Schwaden des verbrannten Schmierstoffes mit in die Kabinen befördert und dort eingeatmet. Unter anderem befindet sich im Triebwerksöl auch die als Nervengift bekannte Chemikalie Trikresylphospat (TKP). Lediglich eine Dichtung trennt mit Öl geschmierte Teile des Triebwerkes von der Kabinenluft, fügte Flugkapitän Handwerg hinzu. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch der Mix der verschiedenen Stoffe im Öldampf für bestimmte Personengruppen, darunter besonders ältere Menschen und Kleinkinder sowie Babies, gesundheitsschädlich sein kann.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Thomas von Randow, sagte, es gebe eine Pflicht für Luftfahrtunternehmen, klar definierte Störungen und Ereignisse im Flugbetrieb an das in Deutschland für sie zuständige Luftfahrt-Bundesamt zu melden. Dazu zählten auch so genannte Öldampf-Vorfälle. Er betonte, die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) im Mai 2011 zum Thema Kabinenluft festgehalten habe, das es bezogen auf die Sicherheit keinen Vorfall gebe, „der eine sofortige oder generelle Vorschriftenänderung rechtfertige“.

Dieser Auffassung jedoch widersprach Dr. Susan Michaelis energisch. Die EASA habe sich lediglich für „nicht kompetent“ erklärt hierzu wissenschaftlich-medizinische Untersuchungen durchzuführen. Das genaue Ausmaß der Ereignisse mit kontaminierter Kabinenluft könne solange „nicht geklärt werden, wie es keine Warnanlagen an Bord gibt und sich die Luftfahrtindustrie auf ein nicht funktionierendes Meldesystem verlässt, um das wahre Ausmaß des Problems nicht eingestehen zu müssen“.

Auf Nachfragen der Abgeordneten wurde deutlich, dass es zwischen den Vorfällen die bei der Luftaufsichtsbehörde, dem Luftfahrt-Bundesamt (LBA) und der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) eine erhebliche Diskrepanz gibt. Letztere Behörde hatte im gleichen Zeitraum weit über 60 Fälle verzeichnet, wohingegen der Vertreter des LBA, Axel Losanski, nur von einer Handvoll gemeldeter Vorfälle sprach.

Mehrere Abgeordnete stellten in dem Expertengespräch die Überlegung an, die Luft für die Flugzeugkabinen nicht mehr in den Triebwerken abzuzapfen. Schließlich werde auch beim Auto die Luft für die Klimaanlage nicht neben dem Auspuff angesaugt. Ich wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass beim neuen „Dreamliner“, der Boeing 787, Frischluft bereits an der Außenhaut angesaugt werde, so wie es bis zum Ende der 50iger Jahre bei allen Flugzeugtypen üblich war.

Jörg Handwerg forderte im Namen der deutschen Berufspiloten den verpflichtenden Einbau von Sensoren zur Messung von Giftstoffen in der Kabinenluft sowie entsprechender Filteranlagen.

Zu einer, für Insider recht amüsanten Szene zwischen dem Airbus-Vertreter, Dr. Andreas Bezold und mir kam es dann im weiteren Verlauf der Anhörung. Dazu ist anzumerken, dass vor mir zwei originale Öldösen der Firma Exxon standen. Hier ein Auszug aus einer stenografierten Mitschrift des Verlaufs:

Tim van Beveren: „…Ich weiß nicht ob es Ihnen auch so geht als Parlamentarier, aber es wird klar, dass hier ein Problem seit Jahren existiert. Die Airlines arbeiten nach Herrn von Randow seit 2009, das trifft sich zufälligerweiser mit unserer Berichterstattung in der ARD, dass wir erstmalig über dieses Problem berichtet haben, dass man was tut. Die Hersteller kennen das Problem offenbar auch schon länger und haben aber noch keine Lösung. Wir wissen: es gibt Möglichkeiten Filter zu entwickeln, sie sind aber nicht gebaut worden. Wir haben Öl und hier haben wir so eine Dose… Ich meine, Herr Bezold Sie haben mal auf einem ASHRAE Meeting gesagt, man kann das Zeug trinken… Möchten Sie nen Schluck?“

Dr. Andreas Bezold: „Machen Sie es auf!“

Tim van Beveren: „Ja?! – (öffnet die Dose mit seinem Kugelschreiber) Moment, es kommt gleich die Warnung! Ich möchte das nicht so nah bei mir haben. Ich hab hier die Dose aus Amerika, ich lese Ihnen jetzt die Warnung darauf vor: da brauch ich die Brille…. Warning! Contains Tricresylphosphate. Swallowing this product can cause nerveous system disorders, including paralysis. Prolonged or repeated breathing of oil mist or prolongend or repeated skin contact can cause nerveous system effects. Diese Warnung findet sich auf keiner europäischen Dose. Ja? Das ist eine original europäische Öldose. – Sollen wir es ein bisschen erhitzen?  Möchten Sie es einatmen vielleicht?“

Dr. Andreas Bezold: „Einatmen ist schon mal überhaupt kein Problem. Trinken, trinken ist vielleicht eher ein Problem, da es auch der Verdauung natürlich nicht gut tut.“

Tim van Beveren: „Gut, aber Sie sagen also dieses Öl hat kein Problem, deshalb können Passagiere das einatmen. Gut das wir das noch mal festgehalten haben. – Okay. – Es gab verschiedene Fragen…“

Die offene Öldose gab ich nach der Anhörung Herrn Dr. Bezold zur sachgerechten Entsorgung. Er nahm sie auch an, allerdings wurde später festgestellt, dass er sie einfach am Ausgang des Saals auf einem Getränkewagen abgestellt hatte. Die Dose wurde dann durch die Bundespolizei, die im Bundestag für die Sicherheit zuständig ist, in Gewahrsam genommen. Einige Tage später bat mich die verzweifelte Sekretärin des Vorsitzenden des Ausschusses bei der Entsorgung behilflich zu sein. Natürlich erklärte ich mich dazu bereit, fuhr erneut zum Bundestag und konnte sie dort in der Waffenkammer der Bundespolizei abholen. Inzwischen wurde sie von mir ordnungsgemäss entsorgt.

 

Meine Powerpoint Präsentation finden Sie hier: Powerpoint Vortrag BuTag tvb 21092011

Meine Ausführliche Stellungnahme an den Deutschen Bundestag finden Sie hier: 00_van Beveren_Stellungnahme_Kabinenluft_21092011pubr

Alle meiner Stellungnahme beigefügten Anlagen finden Sie im Archiv des deutschen Bundestages und hier:   Anlagen zur Stellungnahme Tim van Beveren

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