Umstrittene Schlaufengurte haben gar keine Zulassung als Kinderrückhaltesystem

ARD Plusminus vom 7.10.2008

Die von deutschen Airlines seit 16. Juli 2008 verwendeten Schlaufengurte haben keine Zulassung. Daher dürften sie an Bord von Flugzeugen eigentlich gar nicht verwendet werden. Bei den Gurten handelt es sich vielmehr um Gurte, die als Verlängerungsgurte für korpulente Passagiere entwickelt und zugelassen wurden, nicht aber als Sicherungsgurte für Kleinkinder unter zwei Jahren. Dies hat gegenüber dem ARD Fernseh-Magazin +-plusminus die amerikanische Luftaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) in Washington bestätigt.

Bereits seit Ende Juli 2008 hatte eine junge Mutter aus dem Raum Hannover versucht einen zusätzlichen Sitzplatz für ihren 15 Monate alten Sohn zu buchen. Auf keinen Fall wollte sie ihr Kind mit einem der umstrittenen Schlaufengurte oder auch „loop belts“ anschnallen. Crashtests der ARD des Schweizer Fernsehens und des TÜV Rheinlands hatten bereits im Mai anschaulich belegt, dass diese Form der Sicherung für ein Babys und Kleinkinder tödlich sein können. Den deutschen Airlines war die Verwendung solcher Schlaufengurte durch Anordnung des Bundesverkehrsministers bis zu diesem Sommer ausdrücklich untersagt.

Doch aufgrund einer neuen EU-Betriebsvorschrift sollen diese Gurte jetzt immer eingesetzt werden, wenn – so die Vorschrift – „kein anderes Kinderrückhaltesystem an Bord zur Verfügung steht.“ Die einzige Möglichkeit die Gurte zu umgehen besteht darin, einen eigenen, zugelassenen Kindersitz mitzubringen und einen zusätzlichen Sitzplatz zu buchen. Dies war bei zahlreichen Fluggesellschaften auch schon vor Einführung der EU-Betriebsvorschrift möglich (z.B. Hapag Fly, Air Berlin, Condor, LTU) ist aber auch heute längst noch nicht bei allen Gesellschaften selbstverständlich.

Diese Erfahrung musste auch Familie Schaub machen, als sie mit Neckermann Ende September für 14 Tage nach Mallorca fliegen wollte. Die Mutter folgte dabei streng den jüngsten Empfehlungen des Bundesverkehrsministeriums in dieser Sache. Allerdings gelang es ihr nur unter einigen Mühen über den Reiseveranstalter einen zusätzlichen Sitzplatz für das Kleinkind zu buchen und zu bezahlen. Einen speziellen Kindersitz, der für die Verwendung an Bord der meisten gängigen Flugzeugtypen zugelassen ist, brachte die Familie zum Flughafen mit. Doch dieser Kindersitz musste auf Veranlassung der Fluggesellschaft Germania beim Check-In aufgegeben werden. Gegen ihren ausdrücklichen Willen, musste das Kind auf dem zweieinhalb-stündigen Flug mit einem Schlaufengurt am Gurt der Mutter befestigt sein. Als traumatisches Erlebnis empfand die junge Frau den plötzlichen Startabbruch wegen eines medizinischen Notfalls in Hannover. Glücklicherweise traten bei dem Bremsmanöver jedoch keine starken Verzögerungskräfte auf.

Schon im Vorfeld der Reise hatte die Familie die Fluggesellschaft aufgefordert, einen Nachweis über die Zulassung des Schlaufengurtes vorzulegen. Denn nach den gültigen Bestimmungen ist eine solche Zulassung für alle an Bord verwendeten Bauteile und Ausrüstungsgegenstände die in sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt werden, zwingend erforderlich. Aufgrund der laufenden Medienberichterstattung hatte die Mutter erhebliche Zweifel, dass solche Gurte überhaupt zugelassen sind. Doch der Bitte um Einsichtnahme in die Dokumentation kam die Germania erst vergangene Woche auf mehrfache Nachfrage von +- plusminus nach.

Ausweislich dieser technischen Dokumentation wurde der Gurt durch eine US amerikanische Firma in New York hergestellt. Als Nachweis der Zulassung der Gurte durch die US Luftaufsichtsbehörde fügte die Germania ein amerikanisches Lufttüchtigkeits-Zertifikat, ein so genanntes „FAA Form 8130“, bei. Doch dieses bezieht sich lediglich auf einen „Verlängerungsgurt“, so wie es auch auf dem angenähten Hersteller-Label in Englisch vermerkt ist („used as belt extention“ = verwendet als Gurt Verlängerung). Auch das von der Germania ebenfalls vorgelegte Datenblatt zu dem Schlaufengurt hebt deutlich hervor, dass es sich nicht um ein Kinderrückhaltesystem handelt. Fazit: Nach dieser Dokumentation dürfen die Schlaufengurte von der Germania gar nicht verwendet werden. Die FAA teilte +-plusminus auf Anfrage mit: „Die Fluggesellschaft scheint die Zulassung des technischen Standards zu missbrauchen, der aber nichts mit einem Kinderrückhaltesystem zu tun hat.“ Weiter teilte die Behörde mit: „Die FAA hat niemals ein solches Bauteil als Kinderrückhaltesystem zugelassen. Die Tatsache, dass diese Gurte dem Standard für Beckengurte entsprechen, rechtfertigt keinesfalls ihren Einsatz an Bord als Kinderrückhaltesystem.“

Zu diesem Schluss kommt der von +- plusminus konsultierte deutsche Luftfahrtsachverständige Professor Dr. Rüdiger Haas (Foto rechts). Haas bestätigt, dass die Zweifel der Mutter an der Zulassung völlig berechtigt sind. Bei der vorgelegten Dokumentation handelt es sich lediglich um die Zulassung für einen Verlängerungsgurt für korpulente, erwachsene Passagiere. „Das sollte eigentlich jedem klar sein.“, so Haas zu +-plusminus. Er appelliert an die Airlines: „Diese Gurte dürfen nicht eingesetzt werden. Zudem müssen die Verantwortlichen bei den Airlines den gesunden Menschenverstand walten lassen und von sich aus den Einsatz dieser Gurte unterbinden, da im Crashfalle die Folgen für die Kinder fatal wären.“

Doch ein behördliches Verbot der Schlaufengurte in Deutschland ist vorerst nicht zu erwarten. Der Grund: juristische Spitzfindigkeiten und möglicherweise die fehlerhafte Interpretation der Bestimmungen. Am 26. September teilte das Bundesverkehrsministerium auf eine parlamentarische Anfrage der Bundestags-Abgeordneten Miriam Gruß (FDP) mit, dass die Verwendung der Schlaufengurte gestattet werden müsse, weil diese Gurte von der britischen Luftaufsichtsbehörde Civil Aviation Authority (CAA) „anerkannt“ seien. Dazu Professor Haas: „Eine Anerkennung in diesem Sinne gibt es in der Luftfahrt nicht. Es kann höchstens eine Anerkennung erfolgen, in Folge einer bereits getätigten Zulassung in einem Herstellerland. Diese liegt aber für diesen Gurt definitiv nicht vor, dieser Gurt darf aufgrund der Papierlage nicht als Kinderrückhaltesystem in Flugzeugen Verwendung finden.“

Eine andere Möglichkeit das Problem mit Rücksicht auf die betroffenen Kleinkinder zu lösen, wäre Kinderrückhaltessysteme verbindlich vorzuschreiben und die Schlaufengurte europaweit zu verbieten. Die EU-Kommission hat daher bereits zu Beginn des Jahres die Europäischen Flugsicherheitsagentur (EASA) in Köln gebeten ein Studie anzufertigen. Diese sollte eigentlich Ende Oktober vorliegen. Doch die Studie wird derzeit auf Anraten der Airline Lobby Gruppen verzögert. Verbände wie beispielsweise der Bund deutscher Fluggesellschaften (BDF) oder die International Air Carrier Association (IACA) haben den durch sie vertretenen Airlines geraten, auf einen Fragebogen nicht zu antworten. Ausweislich einer internen eMail, die +- plusminus vorliegt, befürchtet die Airline Lobby vor allem einen „logistischen Alptraum“, wenn Kinderrückhaltesysteme in Europa allen Airlines verbindlich vorgeschrieben würden.

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